Hinweise Seminarvortrag

Die folgenden Hinweise sind Modifikationen und Ergänzungen eines Texts von Manfred Lehn (Universität Mainz).

Der Seminarvortrag

Der Zweck eines Seminarvortrags

Ein Seminarvortrag hat zwei Aufgaben. Zum einen soll der Vortragende etwas lernen, genauer: sich ein bestimmtes, mehr oder minder fest umrissenes mathematisches Thema aneignen und bearbeiten. Zum anderen sollen die anderen Seminarteilnehmer etwas lernen, indem der Vortragende sein erworbenes Wissen in aufbereiteter Form weitergibt. Den Dozenten davon zu überzeugen, dass man einen Schein verdient hat, gehört dagegen nicht zu den Zielen eines Vortrages. Der Schein ist allenfalls ein Nebeneffekt. Nehmen Sie sich das zu Herzen, besonders dann, wenn der Scheinerwerb tatsächlich Ihre wesentliche Motivation, überhaupt am Seminar teilzunehmen, sein sollte.

Die Möglichkeiten eines Vortrags

Ein mündlicher Vortrag hat Ausdrucksmittel, die allen schriftlichen Quellen abgehen. Der Vortragende kann auf die Zuhörer gezielt eingehen. Er kann Stimmungen aufnehmen und entsprechend reagieren. Ein guter Seminarvortrag, wie auch eine gute Vorlesung, ist sich dieser Möglichkeiten bewusst und setzt sie ein. Ein schlechter Vortrag ist organisierte Zeitvernichtung und grob unhöflich gegen die Hörer. 

Im Folgenden sind einige Punkte aufgezeigt, die Ihnen bei der Vorbereitung und der Durchführung eines Seminarvortrages helfen sollen. Nicht alles wird ungeteilte Zustimmung finden. Es ist legitim, andere Schwerpunkte zu setzen. Schließlich wird Ihnen manches selbstverständlich oder banal erscheinen. Denken Sie trotzdem einen Augenblick darüber nach. Nehmen Sie die Vorbereitung ernst und den Vortrag locker!

Vorbereitung des Vortrags

Wenn Sie sich auf einen Seminarvortrag vorbereiten, muss das auf zweierlei Weise geschehen: inhaltlich und vortragstechnisch. Es leuchtet ein, dass man einen guten Vortrag nur halten kann, wenn man verstanden hat, wovon man spricht. Daher ist eine gute inhaltliche Vorbereitung eine unabdingbare Voraussetzung für jeden Vortrag. Beginnen Sie rechtzeitig mit der Vorbereitung, das heißt mindestens vier (besser fünf) Wochen vor dem Vortragstermin.

Zur inhaltlichen Vorbereitung

  1. Was ist die Aufgabenstellung des Vortrags?
    Vergewissern Sie sich im Gespräch mit dem Dozenten oder dem betreuenden Assistenten, dass Sie die Aufgabenstellung richtig verstehen und sich nicht etwa auf ein falsches Thema oder mit falschen Schwerpunkten vorbereiten. Manchmal kann man sinnvolle Fragen allerdings überhaupt erst stellen, wenn man sich wenigstens ein Stück weit in die Materie eingearbeitet hat. Wichtig ist auch die Frage, wie sich der Vortrag in den Gesamtzusammenhang des Seminars einbettet. Das kann etwa bei der Auswahl von Beispielen helfen.

  2. Welche Literatur gibt es zum Vortrag?
    Häufig orientiert sich ein ganzes Seminar oder ein einzelner Vortrag an bestimmten Büchern und Texten oder Abschnitten daraus. Versuchen Sie trotzdem, andere Literatur zum Thema zu finden und darin zu lesen, sobald Sie eine Idee haben, worum es geht.

  3. Wie liest man mathematische Texte?
    Wenn Sie mathematische Texte lesen, so gibt es zwei Modi, in denen Sie vorgehen können:

    • Aus der Vogelperspektive
      Was sind die groben Linien? Was ist der Gegenstand des vorliegenden Textes? Was sind die zentralen Begriffe und Definitionen, was sind die zentralen Aussagen und Sätze? Was sind die groben Beweisstrukturen? Wozu macht man das alles?
    • Aus der Froschperspektive
      Wie wird es im Detail gemacht? Wie funktioniert ein Beweis? Wozu braucht man die Voraussetzungen im Satz? Was passiert, wenn man sie weglässt?

    Zwischen diesen Modi müssen Sie häufig hin- und herwechseln. Man muss sich zuerst einen Überblick verschaffen, wo man eigentlich hinwill, sonst beißt man sich im erstbesten technischen Lemma fest und bleibt stecken. Bei der ersten Lektüre kann man alle Beweise überschlagen und sich auf die Aussagen der Sätze konzentrieren. Irgendwann kommt aber der Punkt, wo man auch die Sätze nicht mehr versteht, weil man kein Gefühl für die eingeführten Begriffe entwickelt hat. Dann wird es Zeit, sich auch die Beweise genauer anzuschauen. Hat man mehr technische Details verstanden, sollte man wieder etwas zurücktreten und sich erneut fragen, was der Gesamtzusammenhang ist usw.
    In angepasster Form gilt das auch für die Art und Weise, wie man sich einzelnen Sätzen oder Beispielen nähert. Wenn Sie mit einem neuen Satz konfrontiert werden, können Sie sich etwa vor, nach oder auch während des Studiums seines Beweises Fragen der folgenden Art stellen: Was sind einfache Beispiele für den Satz (etwa Spezialfälle)? Was sind einfache Gegenbeispiele, wenn bestimmte Voraussetzungen nicht erfüllt sind? Knüpft der Satz, oder der verwendete Begriff oder der Beweis, an bereits bekannte Dinge an? Gibt es ein charakteristisches Beispiel, an dem man alle wesentlichen Phänomene beobachten kann? Arbeiten Sie sich so in Kreisen in die Literatur zu Ihrem Vortrag (und seine Stellung im Seminar) ein.

  4. Studium der Details in einem mathematischen Text
    Lesen Sie einen mathematischen Text unter den folgenden Gesichtspunkten:

    • Der Autor hat gar nicht recht.
      Glauben Sie ihm zunächst kein einziges Argument. Erstens stecken in mathematischen Texten immer wieder Fehler, selbst in Texten über Dinge, die man für völlig ausgewaschen hält. Zum anderen ist das ein einfacher psychologischer Trick, sich zum genauen Arbeiten zu zwingen.
    • Der Gedankengang läßt sich abkürzen.
      Manchmal kann man Beweisgänge vereinfachen oder drastisch kürzen. Versuchen Sie das. Wenn es Ihnen gelingt, fragen Sie sich, warum der Autor nicht darauf gekommen ist. Manchmal liegt das daran, daß Ihre neue Abkürzung schlicht und einfach falsch ist. Aber wenn Sie dann den Fehler entdecken, werden Sie viel gelernt haben.

Zur schriftlichen Ausarbeitung

Wenn Sie glauben, die Dinge grob verstanden zu haben, machen Sie sich an eine schriftliche Ausarbeitung. Dort sollten alle Dinge stehen, die mit dem Vortrag zu tun haben. Arbeiten Sie alle (!) Details ausführlich schriftlich aus. Das gilt insbesondere für alle Fragen vom Ach-so-ja,-ist-wirklich-trivial!-Typ. Wenn Sie bei bestimmten Punkten Schwierigkeiten haben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es Ihren Zuhörern ähnlich gehen wird.

Diese schriftliche Ausarbeitung braucht noch nicht sehr viel mit dem späteren Vortrag zu tun zu haben. Manchmal wird man im eigentlichen Vortrag Beweisschritte oder eher langweilige Rechnungen weglassen. Trotzdem sollten Sie gerade die Dinge, die Sie weglassen, umso sorgfältiger vorbereitet haben. Wenn Sie über einen ganz bestimmten Text vortragen sollen, so ist es noch keine Leistung, wenn Sie diesen Text verstehen und dann wörtlich an die Tafel schreiben, womöglich unter Beibehaltung der Nummerierung der Lemmata. 

Didaktische Aspekte

Ein Vortrag ist ein Vortrag und ein Buch ist ein Buch. Ein Buch- oder Artikeltext hat ganz andere Möglichkeiten als ein Vortrag und umgekehrt. Wenn Sie in einem Buch am Anfang eines Kapitels alle benutzten Notationen zusammenstellen, so mag das sinnvoll sein. Der Leser kann ja notfalls zurückblättern. In einem Vortrag haben die Zuhörer all diese Notationen aber spätestens eine halbe Stunde später vergessen - insbesondere wenn sie bislang nicht benutzt wurden. Dasselbe gilt für Hilfssätze. Eine Gliederung, die für einen Text konzipiert ist, kann für einen Vortrag, dessen Rahmen durch die Aufnahmekapazität und das Kurzzeitgedächtnis der Hörer abgesteckt ist, völlig ungeeignet sein. Entwickeln Sie eine neue Gliederung. Haben Sie keine Hemmungen, den Text völlig umzustellen, wenn Sie dafür gute Gründe haben.

Kommunikation mit dem Dozenten und Kommilitonen

In der Vorbereitungszeit sollten Sie das Betreuungsangebot der Dozenten und Assistenten wahrnehmen. Natürlich können Sie nicht erwarten, daß Ihnen jedes Epsilon vorgerechnet wird, denn die Vorbereitung gehört wesentlich zu der zu erbringenden Seminarleistung. Andererseits ist es auch nicht sinnvoll, wochenlang allein über einem Problem zu brüten, das vielleicht nur auf einem einfachen Missverständnis beruht. Insbesondere sollten Sie die Themenauswahl und die Rolle im Seminarzusammenhang mit Ihren Betreuern durchsprechen.

Sprechen Sie auch mit Mitstudierenden über Ihren Vortrag. Diese werden Ihnen vielleicht auch weiterhelfen können. Manchmal löst sich ein Problem schon dadurch von selbst, dass man einem anderen gegenüber laut davon spricht, auch wenn der andere nur zuhört oder rein banale Fragen stellt.

Destillation des eigentlichen Vortrags

Wenn Sie alle Details verstanden haben, wenn Ihnen der rote Faden Ihres Vortrags klar ist und wenn Sie sich eine Gliederung überlegt haben, die den besonderen Umständen eines Seminarvortrags gerecht wird, dann ist es an der Zeit, Ihr Wissen und Ihre Überlegungen zu einem Vortrag zu verdichten.

Überlegen Sie sich Ihr Tafelbild
Informieren Sie sich vor dem Vortrag, welche und wieviele Tafeln Ihnen zur Verfügung stehen. Überlegen Sie sich, wie Sie diese Tafeln einsetzen wollen.

Überlegen Sie sich die genauen Formulierungen
Markieren Sie in Ihrem Manuskript deutlich, was Sie wie anschreiben wollen. Planen Sie genau, welche Dinge Sie anschreiben wollen, und welche Dinge Sie nur mündlich erklären.
An der Tafel müssen nicht immer vollständige deutsche Sätze stehen. Das kann sehr mühsam und umständlich sein. (Zum Beispiel ist die Fomulierung "Wir definieren eine ... als" innerhalb einer Definition vollkommen überflüssig). Sinnvoll eingesetzte symbolische Notation kann viel schneller wahrgenommen werden. Zuviele Symbole wiederum erschweren nur die Verständlichkeit. Eine Häufung von Quantoren ist genauso überflüssig wie die Verwendung logischer Konnektoren (für "und"/"oder"/"nicht"). Die Wörter auszuschreiben dauert kaum länger und erhöht die Lesbarkeit deutlich.

Zeitplanung
Bei der Auswahl des Darzustellenden ist die zur Verfügung stehende Zeit und das Aufnahmevermögen des Publikums zu beachten. Grundsätzlich erscheint immer allen Vortragenden die Zeit zu knapp. Überziehen ist eine Todsünde. Im Zweifel müssen Sie kürzen. Kürzen Sie mit Überlegung! Welche Teile eines Beweises sind wichtig, weil sie gerade den Witz enthalten oder für das Gebiet typische Verfahren einüben, welche Teile sind unwichtig, weil sie in ähnlicher Form schon da waren oder ohne Verständnisverlust weggelassen werden können?
Machen Sie sich einen Zeitplan. Teilen Sie ihren Vortrag in kleine Abschnitte und überlegen Sie, wieviel Zeit Sie für jeden dieser Abschnitte benötigen werden. So können Sie während Ihres Vortrags immer wieder feststellen, ob Sie gemäß Ihrer eigenen Vorgaben zu schnell oder zu langsam sind. Wenn Sie wenig Erfahrung haben, halten Sie auf jeden Fall einen Probevortrag, um sicherzugehen, dass Ihre Zeitkalkulation realistisch ist.

Achten Sie auf Flexibilität
Bereiten Sie ihren Vortrag so vor, dass Sie später während des Vortrags variieren können. Sie sollten in der Lage sein, einen Punkt genauer zu erklären oder durch ein Beispiel zu erläutern, wenn Sie merken, dass die Zuhörer mit diesem Punkt Schwierigkeiten haben. Dies ist eine der wesentlichen Stärken eines Vortrags im Vergleich zu einem Buch.
Durch zusätzliche Erläuterungen oder durch Zwischenfragen kann es leicht passieren, dass Ihr Zeitplan völlig durcheinander gerät. Überlegen Sie sich welche Passagen - gerade in der zweiten Hälfte Ihres Vortrags - Sie gegebenenfalls kürzen oder weglassen können.

Probevortrag

Wenn Sie wenig Erfahrung haben, halten Sie auf jeden Fall einen Probevortrag. Tragen Sie vor einem leeren Saal oder besser noch vor Freunden zur Probe vor. Es ist wichtig, seine eigene Stimme zu hören und Sätze überhaupt einmal laut zu formulieren. Vielleicht haben Sie schon die Erfahrung gemacht, dass ein scheinbar sehr einleuchtendes Argument zusammenbricht, sobald man es laut formuliert, unabhängig davon, ob jemand Einwände äußert.

Benutzen Sie beim Vortragen dieselben technischen Hilfsmittel wie im Ernstfall. Wenn Sie zum Beispiel einen Tafelvortrag halten, so tun Sie dies auch im Probevortrag. Es ist etwas völlig Anderes, bei einem Vortrag die Tafel zu benutzen als in seinem eigenen Kämmerlein den Vortrag laut vor sich her aufzusagen und noch einmal auf ein Blatt Papier zu schreiben.

Ein Probevortrag gibt Ihnen auch Sicherheit im Auftreten und nimmt das Lampenfieber. Sie gewinnen die nötige Sicherheit in der akustischen Formulierung. Es ist häufig viel einfacher, eine gute Formulierung im stillen Kämmerchen auf einem Blatt Papier zu finden, als dieselbe Formulierung im aufgeregten Zustand vor einer Reihe von Kommilitonen an der Tafel. Dies gilt insbesondere, wenn Sie vermeiden wollen (und das sollten Sie in jedem Fall!), pausenlos auf Ihr Skript zu gucken.

Ferner gewinnen Sie durch den Probevortrag eine Vorstellung davon, wieviel Zeit Sie brauchen. Dabei sollten Sie immer daran denken, dass Sie im eigentlichen Vortrag aufgrund von Zwischenfragen vielleicht mehr Zeit benötigen. Sie sollten mindestens 5 Minuten Luft nach hinten haben. Klappt dann im Vortrag alles wie am Schnürchen, so dass Sie ein paar Minuten zu früh fertig sind, wird auch niemand böse sein.

An den Probevortrag sollte sich eine erneute kritische Überarbeitung des Manuskripts anschließen, gegebenenfalls ein erneuter Probevortrag.

Das Halten des Vortrags

Merkmale eines guten Vortrags

Ein guter Vortrag zeichnet sich von Anfang an dadurch aus, dass er sich als Vermittlung des Themas an das Publikum begreift und das Publikum in den Mittelpunkt stellt. Denken Sie stets daran: Es geht vor allem ums Publikum, nicht um den Vortragenden! Aus diesem Prinzip kann man alle anderen Grundsätze ableiten. 

Wann ist ein Vortrag gut?
Der Vortragende wird danach beurteilt, wie sein Vortrag beim Publikum ankommt. Wenn Ihr Publikum nach Ihrem Vortrag viel gelernt hat und mit Ihrer Art der Präsentation zufrieden ist, dann haben Sie einen guten Vortrag gehalten. Einen Schein erworben zu haben, ist dagegen kein Kriterium für einen guten Vortrag.

Der rote Faden
Erklären Sie dem Publikum zu Beginn kurz, worum es in Ihrem Vortrag geht. Geben Sie eine kurze Inhaltsangabe. Rufen Sie dem Publikum immer wieder ins Gedächtnis, was Ihr Ziel ist, welchen Weg Sie dorthin schon zurückgelegt haben und was noch zu tun ist. Geben Sie dem Publikum zu jeder Zeit eine Idee, wie groß der nächste Schritt ist. Selbst ein perfekt vorbereiteter Vortrag kann unendlich dröge werden, wenn der Zuhörer ein kurzes Argument erwartet aber stattdessen mit einem langen und technischen Beweis konfrontiert wird. Warnen Sie das Publikum vor, wenn schwierige Passagen anstehen. Aber schrecken Sie es auch nicht ab.

Seien Sie selbst interessiert am Stoff
Drücken Sie durch Ihre Körpersprache und Ihre Stimme aus, dass Sie diesen gerne Vortrag halten. Sie sollten sich inzwischen mit dem Thema so gründlich beschäftigt haben, dass Sie selbst Interesse daran entwickelt haben. Aber selbst wenn dieses Interesse nicht da ist, ist es Ihre Pflicht, sich dies nicht anmerken zu lassen. Nichts ist demotivierender für den Zuhörer als ein Vortragender, dem man deutlich anmerkt, dass er seinen Vortrag (oder auch nur einen Teil seines Vortrags) nur widerwillig hält.

Wissensstand des Publikums
In der Regel wird das Publikum zum ersten Mal mit dem Stoff konfrontiert, den Sie vortragen. Bedenken Sie beim Vortrag, dass Dinge, die Ihnen trivial erscheinen, nachdem Sie sich einige Wochen damit beschäftigt haben, für das Publikum noch lange nicht selbstverständlich sind, auch dann nicht, wenn Sie sie trivial nennen. Nennen Sie niemals Dinge trivial, die es nicht sind, sonst beleidigen Sie das Publikum. 

Sprechen Sie zum Publikum
Die Tafel wird Ihnen immer nur die kalte Schulter zeigen. Wenden Sie sich an jeden einzelnen Zuhörer, suchen Sie Augenkontakt. Und reden Sie nicht zum Seminarleiter! Ihr Hauptadressat sind Ihre Kommilitonen. Sprechen Sie laut, ohne zu schreien. Reden Sie deutlich und nicht zu schnell. Sie können Unsicherheiten nicht durch Nuscheln oder leises, schnelles Sprechen verdecken. Im Gegenteil.
Achten Sie auf die Reaktion des Publikums! Ein guter Vortragender merkt, wenn Zuhörer Verständnisschwierigkeiten haben - oder wenn er seine Zuhörer langweilt, weil er Dinge erklärt, die bereits jedem klar sind.

Graphische Gestaltung
Wo es sinnvoll ist, setzen Sie Bilder und Skizzen ein. Mit einer guten Skizze können Sie mehr Information an das Publikum weitergeben als mit langen umständlichen Sätzen. Wenn Sie eine Zeichnung anfertigen, so geben Sie sich Mühe damit: Jedes Bild sollte überlegt sein. Wie wählt man die Perspektive? Wo muss man auf der Tafel ansetzen und wieviel Platz braucht man, um die Zeichnung auszuführen? Und zeichnen Sie sauber und exakt. Natürlich setzt die Pflicht zur mathematischen Exaktheit allzufreier Phantasie Grenzen. Allerdings lohnt es sich meist, diese Grenzen auszuloten. Also Mut zum Bild!

Handschrift
Arbeiten Sie an Ihrem Schriftbild. Wenn das auch bei der Handschrift schwierig sein mag, für schlampig geschriebene Formeln gibt es keine Entschuldigung. Ein "alpha" muß von einem "a" unterscheidbar sein, ebenso ein "zeta" von einem "xi", und ein "l" von einem "e". Ein "Sigma" ist keine Zickzacklinie. Auch an der Tafel gibt es eine Grundlinie, und diese verläuft horizontal, nicht schräg nach oben oder unten. Buchstaben haben Unterlängen oder Oberlängen. Bruchstriche befinden sich auf gleicher Höhe wie Gleichheitszeichen oder Verknüpfungszeichen etc. Eine ausgeschriebene Handschrift ist sicher schöner als kindliche Druckbuchstaben. Wenn Sie aber mit Formeln Schwierigkeiten haben, kann es hilfreich sein, wenn Sie Formeln sozusagen drucken. Denken Sie wieder an unser Grundprinzip: Es ist völlig unwichtig, ob Sie Ihre Schrift lesen können, das ist kein Maßstab: allein das Publikum zählt.

Sprechen Sie frei!
Das ist eine große Herausforderung und eine schwierige Hürde. Kleben Sie nicht an Ihrem Manuskript. Im Idealfall sind Sie so gut vorbereitet, dass Sie überhaupt kein Manuskript mehr benötigen. Nehmen Sie sich dies als Ziel vor. Wenn Sie dann zur eigenen Beruhigung ein paar Zettel in der Hand halten, so wird dies niemanden stören. Aber Sie sollten so frei vortragen können, dass Sie immer nur einen kurzen Blick auf Ihr Manuskript werfen müssen.
Wenn Sie Ihren Vortrag im Zuge der Vorbereitung in ihren verschiedenen Phasen immer wieder neu aufgeschrieben haben (schließlich bemühen Sie sich ja, die optimale Präsentation zu finden), werden Sie mit der Zeit sowieso den halben Vortrag auswendig können. Wohlgemerkt, es kommt nicht darauf an, den Vortrag auswendig zu lernen! Viel wichtiger ist, den Überblick zu behalten, an jeder Stelle des Vortrags sagen zu können, wo man gerade ist und wo es noch hingehen soll. Denken Sie über die folgende Frage nach: Wie soll denn das völlig unvorbereitete Publikum eigentlich einen Vortrag verstehen, wenn selbst der Vortragende nach langem gründlichen Studium des Themas ein Manuskript braucht? Nichts spricht dagegen, bei langen Rechnungen mit einem Blick auf das Manuskript zu kontrollieren, ob die Tafelrechnung korrekt ist. Auch sorgfältig formulierte Sätze und Propositionen kann man abschreiben. Aber versuchen Sie, in den Beweisen frei zu argumentieren. Benutzen Sie Ihr Manuskript mehr als Erinnerung an die Gliederung. Ein erster Schritt dazu ist, das Manuskript gelegentlich aus der Hand zu legen. Nichts ist absurder, als einen Beweis geistlos an die Tafel zu schreiben und sich dann davor zu stellen und zu rekonstruieren, warum das Argument überhaupt ein Argument ist. Aller Anfang ist schwer. Wenn Sie sich auch sicherer fühlen, wenn Sie sich an einem Stück Papier festhalten können, legen Sie es gelegentlich und dann immer öfter einfach aus der Hand. Sie werden feststellen: das befreit!

Umgang mit eigenen Wissenslücken

Versuchen Sie nie, eigene Lücken zu kaschieren. Die Versuchung ist groß. Aber es wird immer jemanden im Publikum geben, der ohne böse Absicht genau an den Stellen eine Frage stellt, wo das Eis dünn ist. Geben Sie zu, wenn Sie einen Punkt nicht verstanden haben; es gibt dann vielleicht die Möglichkeit, die Frage im Plenum auszudiskutieren. (Wenn das natürlich häufig vorkommt, wird es wohl daran liegen, dass Sie sich nicht richtig vorbereitet haben.)

Vortragsstile, die zu vermeiden sind

Der autistische Vortrag
Der Vortragende ist sich nicht bewusst, dass er nicht allein im Raum ist. Er spricht mehr mit sich und mit der Tafel, als mit dem Publikum, und lässt das Publikum möglichst nicht am Vortrag teilhaben.

Der Ich-weiß-was-Vortrag
Der Vortragende ist hauptsächlich daran interessiert, dem Publikum zu beweisen, dass er etwas gelernt hat. Er reiht die Begriffe, Sätze und Beweise wie Perlen aneinander, möglichst in atemberaubendem Tempo, hindert das Publikum aber an der Einsichtnahme in die Zusammenhänge, weil er ja dadurch sein Wissensmonopol verlieren würde.

Der Null-Bock-Vortrag
Der Vortragende hat das Thema nicht verstanden und sich nicht vorbereitet. Er schindet Zeit, damit er zu den komplizierten Dingen am Ende nicht mehr kommt. Schlechte Formulierungen und unleserliche Schrift verhindern jeden möglichen Ansatz zu Zwischenfragen.

Nachbereitung

Eigentlich sollte nach dem Vortrag Gelegenheit zur Diskussion sowohl des Inhalts, wie der Durchführung gegeben sein. Häufig bleibt vor lauter Mathematik keine Zeit, über den Vortrag selbst zu sprechen. Manchmal wird der Dozent darauf verzichten, über Fehler im Vortrag öffentlich zu reden. Versuchen Sie in jedem Fall eine Rückmeldung über Vortragsstil, Tafelbild usw. zu bekommen und sprechen Sie Kommilitonen, Dozenten und Assistenten darauf an. Denn nur so können Sie künftige Vorträge verbessern. 

Wenn Sie Ihren Vortrag gehalten haben, ist das Seminar noch nicht vorbei. Verfolgen Sie die Vorträge Ihrer Kommilitonen aufmerksam und versuchen Sie, dabei etwas zu lernen. Wenn Sie etwas nicht verstehen, scheuen Sie sich nicht zu fragen. Denken Sie an das Hauptkriterium für einen guten Vortrag. Nur sind jetzt die Rollen vertauscht, und Sie sind Teil des Publikums: der Vortrag wird nur für Sie gehalten. Unterdrücken Sie keine Frage aus falsch verstandener Solidarität gegenüber dem Vortragenden. Im Mittelpunkt steht immer die Mathematik, nicht der Scheinerwerb. Nur dann sind Seminarvorträge keine Veranstaltungen, auf deren Ende man gelangweilt und ungeduldig wartet.

Es bleibt noch anzumerken, dass Sie sich nicht nur auf die minimale Anzahl von Seminarvorträgen beschränken sollten, die Ihnen die Prüfungsordnung vorschreibt. Vielmehr hat Ihnen Ihr Vortrag hoffentlich soviel Spaß gemacht hat, dass Sie sich immer wieder erneut der Herausforderung neuer Themen stellen.


Viel Erfolg und viel Vergnügen!

Adresse

Fachbereich Mathematik
Technische Universität Darmstadt

Schloßgartenstr. 7
64289 Darmstadt

 

Sekretariat

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Ute Fahrholz
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undefinedAnja Spangenberg
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